Fabelwesen aus Zentralasien entdeckt

Vom 29. April bis zum 18. November 2001 zeigt die Abegg-Stiftung in Riggisberg bei Bern die Sonderausstellung "Fabelwesen der Wüste", eine einzigartige Präsentation 2000 Jahre alter Textilien aus Zentralasien. Diese wertvollen Stoffe aus dem Nordwesten Chinas stammen von einem Nomadenvolk, über das sonst keine Informationen existieren. Sie wurden im Wüstensand der Taklamakan-Wüste in der heutigen Uigurischen Autonomen Region Xinjiang, einer der trockensten Gegenden der Welt, entdeckt.

Bei den gefundenen Textilien handelt es sich überwiegend um Fragmente und Teile von Röcken. Diese sind bis zu 1.40 Meter lang und dicht gefältelt und haben am Saum einen Umfang von bis zu 15 Meter. Die Dimensionen deuten darauf hin, dass die Textilien wegen dem verschwenderischen Umgang mit dem Material vor allem gesellschaftliche Bedeutung hatten und zum Beispiel Reichtum und soziale Stellung der Träger oder des Volkes unterstrichen, während die praktische Verwendbarkeit im Alltag eher unbedeutend war.

Für Fachleute und Laien erstaunlich und bis heute ungeklärt ist weiter die einheimische Herstellung dieser Wollwirkereien, deren Farbgebung und Formgestaltung eigenständig ist. So entstammen die dargestellten Motive am ehesten dem iranischen Kulturkreis und die für die asiatische Steppe typischen symbolischen Tierkampfmotive fehlen völlig. Es ist davon auszugehen, dass die Oasensiedlung Shanpula, aus deren Nähe die Funde stammen, eine Art Schmelztiegel der verschiedenen Kulturen auf dem Handelsweg zwischen China und dem östlichen Mittelmeerraum bildete, was den Austausch zwischen verschiedenen Kulturkreisen ermöglichte. Ebenso verblüffend ist die Tatsache, dass die Gewebe nicht in adligen Grabstätten gefunden wurden, sondern in einer Begräbnisstätte einer offensichtlich armen bäuerlichen Gemeinschaft, wurden doch kaum Metallgegenstände wie Werkzeuge oder Schmuck gefunden.

Die entdeckten Kleidungsstücke und Fragmente zeigen eingewebte Hirsche, Rentiere, Kamele, Pferde und Reiter, Vögel und Fabeltiere, ergänzt durch Bäume, Berge und Blumen. Auf den Stoffen finden sich ornamentale und abstrakte Figuren, die an aktuelles Design und zeitgenössische Kunst erinnern. Die Fundstücke sind von einer strahlenden Leucht- und Farbkraft, die über 2000 Jahre hinweg kaum nachgelassen hat. Grund dafür ist die Tatsache, dass die wertvollen Stoffe im trockenen Wüstensand begraben waren und somit beinahe ideale natürliche Konservierungsbedingungen vorgefunden haben.

Die auf die Sammlung und Erhaltung antiker Textilien spezialisierte Abegg-Stiftung hat die aussergewöhnlichen Textilien im vergangenen Jahr in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kulturgeschichte und Archäologie Xinjiang und dem Xinjiang Museum untersucht und eine umfassende Publikation erarbeitet. Nach einer aufwendigen Restaurierung im eigenen Forschungsinstitut präsentiert das Museum der Abegg-Stiftung in Riggisberg die Gewebe und Fragmente der eigenen Sammlung vom 29. April bis 18. November 2001 in einer Ausstellung zum ersten Mal dem Publikum. Dank der grossen Erfahrung und der engen Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und China ist es gelungen, die äusserst seltenen Funde nicht nur aus dem Wüstensand Zentralasiens zu retten, sondern sie kompetent so aufzubereiten, dass sie der Nachwelt erhalten bleiben und diesen wichtigen Abschnitt in der Geschichte dokumentieren.


Die Abegg-Stiftung

Die 1961 gegründete Abegg-Stiftung ist ein kunsthistorisches Institut, welches das Sammeln, Erforschen und Erhalten alter Gewebe und Textilien zum Ziel hat. Das Museum präsentiert jeweils im Sommerhalbjahr eine Sonderausstellung, die einem speziellen Gebiet der Textilkunst gewidmet ist. Gleichzeitig besitzt die Stiftung eine erstklassige Sammlung angewandter Kunst und eine Fachbibliothek mit gegen 50'000 Publikationen, welche beide dem Publikum zugänglich sind.

Die vom Stifterehepaar angelegte Sammlung besteht aus Werken europäischer, mediterraner, nahöstlicher und zentralasiatischer Herkunft von der Antike bis ins frühe 19. Jahrhundert und macht die Abegg-Stiftung zu einem der wichtigsten Zentren für Textilkunst. Im Bereich der antiken Textilien, aus den Gebieten der frühmittelalterlichen Seidenstrassen und des europäischen Mittelalters besitzt sie Werke, die in ihrer Qualität und Bedeutung weltweit einzigartig sind. In die Sammlung integriert sind weiter Plastiken, Gemälde, Goldschmiedekunst, Keramik, Bronze und Glas, wobei jeweils der Zusammenhang mit Textilien im Vordergrund steht. Die Auswahl dieser Kunstwerke dokumentiert die gegenseitige Beeinflussung der verschiedenen Kunstgattungen und bettet die Textilien und Gewebe in ein historisches und künstlerisches Umfeld ein.

Neben diesen, der Oeffentlichkeit zugänglichen Bereichen, verfügt die Abegg-Stiftung über ein Konservierungsatelier für Textilien und bildet auch selbst Spezialisten auf Fachhochschulstufe auf diesem Gebiet aus. Sie führt immer wieder Konservierungsaufträge für Dritte aus, aber nur, wenn ein wissenschaftliches Interesse daran besteht, während keine kommerziellen Ziele damit verfolgt werden.

Mit ihren Aktivitäten leistet die Abegg-Stiftung einen Beitrag zur Förderung des wissenschaftlichen Austausches und öffnet das oft noch zu wenig bekannte Gebiet der Textilkunst und der angewandten Kunst im Allgemeinen einem breiteren Publikum.



Fabelwesen der Wüste: 29. April bis 18. November 2001
Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg, täglich 14.00 bis 17.30 Uhr



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