Der Bestand iranischer und indischer Textilien des 16.–19. Jahrhundert in der Sammlung der Abegg-Stiftung umfasst etwa 100 Inventarnummern. Es handelt sich in erster Linie um gemusterte Seidengewebe und Gewebefragmente, doch auch grosse Behänge mit Bordüren sowie seidene Gewänder und Schärpen zählen dazu. Eine kleine Anzahl von reservegefärbten und bedruckten Baumwollstoffen wird ebenfalls in den Katalog aufgenommen. Die Textilien werden im Rahmen des Publikationsprojekts im Detail untersucht, webtechnisch analysiert, konserviert und fotografiert. Auf der Grundlage der material- und webtechnischen Analysen konnten in einigen Fällen Neuzuschreibungen vorgenommen werden: Manche Gewebe, die zur Zeit ihrer Erwerbung noch als iranische Erzeugnisse angesehen wurden, können heute aufgrund ihrer Webstruktur indischen Manufakturen zugeschrieben werden. Spuren früherer Verarbeitungen oder Stempelabdrücke bieten wertvolle Hinweise zur ehemaligen Verwendung und Provenienz der Stoffe. Bei Textilien mit figürlichen Darstellungen gilt es, die Ikonografie genau zu untersuchen und mit Szenen der zeitgenössischen Malerei und Literatur zu vergleichen. Auf Forschungsreisen werden ausserdem Originaltextilien in den Depots und Ausstellungen anderer Museen studiert, um die Textilien der Abegg-Stiftung anschliessend genauer einordnen zu können.
Erste Forschungsergebnisse wurden im Jahr 2025 im Rahmen einer Sonderausstellung zu indischen Textilien unter dem Titel «Die Blütezeit Indiens– Textilien aus dem Moghulreich» der Öffentlichkeit präsentiert. Eine Ausstellung zu den iranischen Textilien aus diesem Bestand soll voraussichtlich im Jahr 2029 in der Abegg-Stiftung gezeigt werden. Ziel ist es, den Bestandskatalog bis zu dieser zweiten Ausstellung fertigzustellen. Der Katalog erscheint in englischer Sprache, um ihn einem breiteren Publikum zugänglich zumachen.
Dr. Anna Jolly
Kuratorin für Textilien des 16.–18. Jahrhunderts
Nadine Kilchhofer, Textilrestauratorin
Dr. Agnieszka Woś Jucker, Textilrestauratorin

Doppelgewebe (Detail), Iran, um 1600, Seide und Metallfäden, Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 680 | Die Darstellung zeigt kleine Boote mit Figuren, die aufgrund ihrer westlichen Kleidung als Europäer interpretiert werden.

Samtgewebe, Westindien (Gujarat), frühes 17. Jahrhundert, Seide und Metallfäden, Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 437 | Der farbenfrohe Samtstoff mit zwei Frauen neben einer Zypresse vor einem mit Goldfäden bedecktem Hintergrund wurde unter dem Einfluss iranischer Vorbilder hergestellt.

Schärpe (Detail eines Schmuckfelds), Iran, spätes 18. Jahrhundert, Seide und Metallfäden, Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 415 | Gemusterte Schärpen wurden vor allem von Hofbeamten, mehrmals um die Taille gewunden, über dem Obergewand getragen. Die Schmuckfelder hingen dekorativ von der Taille herab.