Das Projekt basiert auf dem internationalen Kolloquium, das 2025 in der Abegg-Stiftung stattfand. Anlass des Treffens war die Veröffentlichung des fünfbändigen Bestandskatalogs zum Textilschatz von Halberstadt. Zusammen mit den bereits vorliegenden Publikationen zu den Schätzen in Brandenburg, Stralsund, Kronstadt (Brașov/Brassó) und Danzig/Gdańsk (2019/20) eröffnet dieser neue Katalog die Möglichkeit, textile Schatzbestände Mitteleuropas miteinander zu vergleichen. Dabei zeigt sich, wie stark jeder Bestand durch die gesellschaftliche und herrschaftspolitische Bedeutung jener Pfarr- und Domkirchen geprägt wurde, zu denen er gehörte. Auch wirtschaftliche Auf- und Abschwünge sowie die teils spezifischen Handelswege für Luxustextilien hinterliessen deutliche Spuren in der Zusammensetzung eines Schatzes. Hinzu treten ausserordentliche Schenkungen resp. Stiftungen, die konkrete frömmigkeitspraktische Folgen haben konnten, wie etwa eine Wallfahrt. Ebenso prägen die Überlieferungsvorgänge nach der Reformation das heutige Erscheinungsbild: Während manche Paramente früh weggeschlossen und dadurch nahezu vollständig und in originalem Zustand bewahrt wurden, blieben liturgische Gewänder andernorts – zum Beispiel in Siebenbürgen – bis ins 19. Jahrhundert hinein in Gebrauch. Im direkten Vergleich der Schätze treten diese unterschiedlichen Entstehungsbedingungen und Überlieferungsgeschichten klar hervor. In Abgrenzung zu anderen erklärt sich damit auch das Gesamterscheinungsbild des einzelnen Bestandes.
Das Buch wird zum einen systematisch aufgebaute Porträts der Textilschätze in Halberstadt, Brandenburg, Danzig, Stralsund, Braunschweig, Hermannstadt und Kronstadt sowie Bern enthalten. Zum anderen wird es bestandsübergreifende Studien bieten, die zentrale Aspekte vergleichend beleuchten, darunter Schnittformen, Futterstoffe, der Umgang mit spezifischen Oberstoffen sowie Fragen der Aufbewahrung und archivalischen Überlieferung. Die einzelnen Beiträge werden von Birgitt Borkopp-Restle, Maya Brockhaus, Juliette Calvarin, Leonie Dosch, Edmund Kizik, Susan Marti, Corinne Mühlemann, Barbara Pregla, Anja Preiß, Jörg Richter, Juliane von Fircks, Gerhard Weilandt, Evelin Wetter, Ágnes Ziegler verfasst.
Die Publikation wird in englischer Sprache erscheinen, um die bisher überwiegend deutschsprachige Forschung zu den genannten Textilschätzen einem internationalen Publikum zugänglich zu machen.
Prof. Dr. Evelin Wetter
Kuratorin für Textilien des 13.–16. Jahrhunderts

Dalmatik aus Stralsund, 14. Jahrhundert (Gewebe: Italien, China oder Persien, Spanien und Deutschland, 13.–14. Jahrhundert), Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 152 | Im Stralsund Museum hat sich eine fast identisch gestaltete Tunicella erhalten, die einst das Gegenstück zur Dalmatik in der Sammlung der Abegg-Stiftung bildete.